United Nations High Commissioner for Refugees
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Hosseins Odyssee bis nach Europa

29 February 2012

© UNHCR/R.Brunnert

Isfahan/Van/Patras u.a. - Hossein war 17 als er das iranische Exil satt hatte. Sein Wunsch nach einem besseren Leben in Europa war groß. Dass seine Reise Abenteuer und Odyssee zugleich werden würde, war ihm klar; dass sie fünf Jahre dauern würde . . . nicht.

Hosseins Eltern flohen bereits in den Achtzigern aus Ghazni, Afghanistan ins Nachbarland Iran. Doch das Leben dort war geprägt von Unterdrückung und Repressalien. Hossein wurde im Iran geboren und konnte nur durch seinen Job als Schneider in einer örtlichen Taschenmanufaktur existieren. Arbeiten war ihm als Flüchtling jedoch verboten und so sperrte ihn die iranische Polizei nach einer Razzia hinter Gitter. Mit ihm waren etwa 400 afghanische Flüchtlinge inhaftiert, sagte Hossein, die nächtelang der Willkür des Wachpersonals ausgesetzt waren. Hossein hatte Glück und kam nach nur einer Woche frei.

Als er von einer iranischen Jugendbande in einer Seitenstraße abgepasst wurde und einer ihm ein Messer in den Oberschenkel stach, schlug der junge Mann den Angreifer mit seinem Kochtopf nieder; die anderen flohen mitsamt 2.000 Euro, die er an diesem Tag für die Beantragung einer regulären Arbeitserlaubnis bei sich trug - das wars.

Die Entscheidung seines Lebens

Sein ganzes Leben musste Hossein an diesem öden Ort namens Isfahan verbringen, der sich nun komplett gegen ihn verschworen hatte. Gemeinsam mit sieben Gleichgesinnten in seinem Alter vertraute er sich Schleppern an, die ihn nach Europa bringen sollten. Jeder von ihnen zahlte umgerechnet eintausend Euro, die zunächst keinen von ihnen ans erhoffte Ziel brachten.

Über Teheran ging es im LkW bis 30 Kilometer vor die Staatsgrenze zur Türkei. Schlepper wiesen Hossein und den anderen den Fußweg durch das gefährliche Gebiet. Zwei Tage gab es weder Wasser noch Brot; Schüsse fielen. Die Jungs halfen anderen: Frauen, die ihre Kinder tragen mussten oder vor Schwäche strauchelten.

Die Schlepper foltern, wollen mehr Geld

Bis nach Van in der Türkei forderten die Schlepper immer mehr Geld von den Flüchtlingen, die mittlerweile in kleine Gruppen aufgeteilt wurden. Wer nicht zahlen konnte, dem wurden Finger- oder Fußnägel ausgerissen; auch Hosseins Freund Kristian wurde gequält.

Selbst überrascht kamen sie alle bis nach Istanbul, wo sie zunächst weiteres Geld für die skrupellosen Schlepper verdienen mussten. Insgesamt saß Hossein fünf mal an Bord eines Paddelbootes, dass ihn auf die griechische Insel Lesbos bringen sollte; fünf mal scheiterten die Versuche, bevor sie tatsächlich ankamen.

Eine Toilette für 400 Personen

Wenn Hossein diese Geschichte erzählt, kann man einen seinen Augen ablesen, wieviel Kraft und Ausdauer die Zeit auf Lesbos ihn gekostet hat: "Das Gefängnis war eine schäbige Einrichtung, in der wir mit 400 Menschen nur eine Toilette und nur eine Dusche zu Verfügung hatten. Lange Warteschlangen und Handgemenge waren da vorprogrammiert. Auch die Wärter prügelten mit; sie nahmen Stöcke."

Hossein gehörte zu den Jungs, die sich mehrfach quer durch Griechenland bis in den Hafen von Patras durchgeschlagen haben und dort versuchten unter oder auf die LkWs nach Italien zu gelangen. Insgesamt drei Mal wurde er von der griechischen Grenzpolizei auf der Fähre entdeckt und unter oder aus dem Fahrzeug herausgezogen. "Sie packten meine Haare und schlugen mich mit Stöcken und im Gesicht, bevor sie mich zurück nach Lesbos brachten. Beim zweiten und dritten Versuch wusste ich, dass ich mit dem Kopf zuerst aus dem LkW kriechen muss, damit sie mich nicht schlagen. Das funktionierte."

Diskriminiert, abgeschieden, perspektivlos

Hosseins Abenteuer nimmt kein Ende: Da die Wärter allen Bewohnern aus Sicherheitsgründen Gürtel und Schnürsenkel abgenommen haben, "waren wir auf Lesbos natürlich immer als 'Eindringlinge' zu erkennen, sofern wir es aus der Abgeschiedenheit überhaupt einmal unter Menschen schafften. Flüchtlinge aus Afghanistan waren stetig damit beschäftigt ihre Hosen und Schuhe festzuhalten", schildert Hossein, der bis hierher schon vier Jahre auf der Flucht gewesen ist und das in 90 Minuten geschildert hat.

Der Verzweiflung und dem Wahnsinn nahe, änderte sich sein tristes Dasein erst, als junge Austauschstudenten aus Europa eine Umfrage für eine Seminararbeit in der Unterbringseinrichtung machten. Klara hatte besonders viele Fragen an Hossein und interessierte sich auch privat für den mittlerweile 21-Jährigen.

Wende durch Hilfe von außen

Was folgte, waren gemeinsame Fluchtversuche, die allesamt scheiterten und Stoff für einen packenden Kinofilm sein könnten. Die Einreise nach Deutschland erfolgte nach etwa einem weiteren Jahr und schließlich ganz legal mit dem Clio von Klara, die auf Lesbos seine Ehefrau geworden war.

Heute besucht Hossein einen Integrationskurs bei der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen (GFBM). Seinem Handwerk als Schneider ist er treu geblieben und näht nebenbei Umhängetaschen. Gemeinsam mit anderen Afghanen und angelehnt an ihre eigene Geschichte fertigt er die Waren dabei aus den Überresten gestrandeter Flüchtlingsboote, die es bis in die europäischen Häfen geschafft haben. Die Einnahmen sind rar, lassen den frischgebackenen Vater aber hoffen, das Geld für ein Wiedersehen mit seinen Eltern bald zusammen zu haben.

Bis dahin träumt der junge Mann weiter von einem Studium oder einer Ausbildung, die ihm den Lebensunterhalt sichern kann. Lediglich die Grammatik der deutschen Sprache ist jetzt sein größtes Problem. Aber was ist das schon, verglichen mit dem, was er erlebt hat.

Rouven Brunnert, UNHCR

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