Tongo/Assosa - Santino Samuel John hat immer wieder den gleichen Albtraum: Eine Drohne, die sein Haus zerstört und sein jüngster Sohn Obama in Panik. Doch auch im wahren Leben scheint alles wie ein wiederkehrender Albtraum. Zum zweiten Mal wird der 31-jährige zur Flucht gezwungen.
John kommt aus Kurmuk in Blue Nile State und musste 1987 mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg fliehen. "Ich erinnere mich noch genau daran, als wir aus dem Sudan geflohen sind und mein vater mit aller Kraft versuchte, mich zu tragen." John's Polioinfektion erschwerte die Flucht "Ich bat ihn, mich zurückzulassen, damit die anderen vorankommen konnten, aber er sagte, dass er mich niemals allein lassen würde."
Sie überquerten die Grenze nach Äthiopien und kämpften sich bis zum Tsore Flüchtlingslager durch, das heute unter dem Namen Sherkole bekannt ist. Endstation war schließlich das Flüchtlingslager Bonga weiter südlich. Im Jahr 2006, nach Unterzeichnung des Friedensvertrages, kehrte die Familie zurück in den Sudan.
Weil Johns Vater immer darauf bestand, dass die Kinder der Familie Englisch lernten, fand John schon bald nach ihrer Rückkehr eine neue Arbeitsstelle. Kürzlich war er als Projektkoordinator für die NGO Creative Associate International in Kurmuk tätig."
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich gleichauf mit Menschen aus anderen Ländern. Ich war stolz, denn ich war Bürger eines Landes - meines Landes, des Sudan. Wir hatten nicht viel, aber wir verfügten über elementare Menschenrechte als sudanesische Bürger. Für eine Weile war das Leben schön."
Als im September diesen Jahres die Kämpfe zwischen dem sudanesischen Militär und der sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA-N) erneut ausbrachen, war die Familie fest entschlossen, zu bleiben. Doch letzten Endes wurden sie durch Luftangriffe und Bodentruppen zum zweiten Mal zur Flucht nach Äthiopien gezwungen.
John arbeitet im Flüchtlingslager Tongo als Sozialarbeiter und Mediator zwischen den Flüchtlingen und den Mitarbeitern des Camps. Er ist sehr beliebt, aber sein freundliches Wesen täuscht über seine traumatischen Erinnerungen hinweg.
Als das sudanesische Militär in Kurmuk einfiel, waren seine Eltern und Geschwister in Chali, 60 Kilometer entfernt. "Meine Eltern sind über 70 Jahre alt und für den Fall, dass sie aus Chali evakuiert wurden, wird es ein langer und beschwerlicher Weg sein, bis sie in Sicherheit sind." John ist besorgt um seine Familie; er weiß nicht, wo sie sich im Moment aufhalten. "Ich denke ständig an sie. Was ist mit ihnen geschehen? Meine Familie hat immer für mich gesorgt und mich nie im Stich gelassen. Aber jetzt, wo sie in Not sind, kann ich es nicht zurückgeben."
Er wendet sich ab während er spricht; seine Hilflosigkeit und die Wut über die ständigen Konflikte in seinem Heimatland beschämen ihn. "Meinen jüngsten Sohn Obama habe ich nach dem amerikanischen Präsidenten benannt. Die USA und der Sudan wollten gemeinsam etwas bewegen; neue Lösungen und Hoffnungen für ein Land, das so viel gelitten hat.", erklärt John.
"Mein Sohn wird einmal zu denen gehören, die sagen "wir schaffen das" - ich hingegen bin mir nicht mehr sicher. Der Sudan hat mich im Stich gelassen und wieder stehe ich hier mit gesenktem Kopf.
"Es wird dunkel und John stellt sich auf eine weitere schlaflose Nacht ein. "Manchmal lese ich in der Bibel, um wenigstens für kurze Zeit Frieden zu finden.", sagt er. "Wenn ich meine Eltern nur noch einmal sehen könnte, sie umarmen könnte. Das ist das einzige, was ich mir wünsche, außer dass meine Kinder ihre Schulbildung beenden können."
Seit Septemberbeginn sind etwa 35.000 Menschen aus dem Sudan, auf der Flucht vor den Konflikten in der Blue Nile Region, im westlichen Teil Äthiopiens angekommen.
Von Pumla Rulashe in Assosa, Äthiopien
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