United Nations High Commissioner for Refugees
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Weltweit fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht

18 June 2015

Nach Angriffen bewaffneter Gruppen auf die nordsyrische Grenzstadt Kobane im September 2014 fliehen Tausende in die Türkei.
© UNHCR/I. Prickett
Nach Angriffen bewaffneter Gruppen auf die nordsyrische Grenzstadt Kobane im September 2014 fliehen Tausende in die Türkei.

Knapp 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Kriegen, Konflikten und Verfolgung. Dies ist die höchste Zahl, die jemals von UNHCR verzeichnet wurde, und sie wächst rasant, wie der heute veröffentlichte statistische UNHCR-Jahresbericht Global Trends belegt.

Ende 2014 waren 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Im Vergleich dazu waren es ein Jahr zuvor 51,2 Millionen Menschen, vor zehn Jahren 37,5 Millionen Menschen. Die Steigerung von 2013 auf 2014 war die höchste, die jemals im Laufe eines Jahres von UNHCR dokumentiert wurde.

Diese Entwicklung begann 2011 mit dem Ausbruch des Krieges in Syrien, der mittlerweile weltweit die größten Fluchtbewegungen verursacht hat. Weltweit wurden im Jahr 2014 täglich durchschnittlich 42.500 Menschen zu Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Binnenvertriebenen. Das entspricht einer Vervierfachung über die letzten vier Jahre. Statistisch betrachtet ist von 122 Menschen weltweit aktuell eine Person entweder ein Flüchtling, binnenvertrieben oder asylsuchend. Wären alle Menschen auf der Flucht Bürgerinnen und Bürger eines einzigen Landes, wäre es die 24.-größte Nation der Welt.

„Wir werden aktuell Zeugen eines Paradigmenwechsels. Wir geraten in eine Epoche, in der das Ausmaß der globalen Flucht und Vertreibung sowie die zu deren Bewältigung notwendigen Reaktionen alles davor Gewesene in den Schatten stellen“, so UN-Flüchtlingshochkommissar António Guterres. „Es ist erschreckend zu beobachten, dass jene straflos bleiben, die Konflikte auslösen. Gleichzeitig scheint die internationale Gemeinschaft unfähig zur Zusammenarbeit, um Kriege zu beenden sowie Frieden zu schaffen und sichern.“

Weiterhin zeigt der UNHCR-Bericht auf, dass in allen Regionen sowohl die Zahl der Flüchtlinge als auch der Binnenvertriebenen steigen. In den letzten fünf Jahren sind mindestens 15 neue Konflikte ausgebrochen oder wieder aufgeflammt: Acht davon in Afrika (Côte d‘Ivoire, Zentralafrikanische Republik, Libyen, Mali, Nordost-Nigeria, Südsudan und Burundi); drei im Nahen Osten (Syrien, Irak und Jemen); einer in Europa (Ukraine) und drei in Asien (Kirgisistan und in einigen Gebieten von Myanmar und Pakistan). Nur wenige Krisen konnten beigelegt werden, die Mehrzahl verursacht weiterhin Flucht und Vertreibung. So konnten vergangenes Jahr nur 126.800 Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren – die niedrigste Anzahl seit 31 Jahren.

Jahrzehntelange Instabilität und Konflikte in Afghanistan, Somalia und anderswo bedeuten, dass Millionen von Menschen weiterhin nicht zurückkehren können und immer häufiger als Flüchtlinge und Binnenvertriebene mit ungewisser Zukunft an den Rändern der Gesellschaft leben müssen.

Aktuelle, weithin sichtbare Auswirkung der weltweiten Konflikte und dem damit einhergehenden unfassbaren Leid ist die dramatisch ansteigende und besonders gefährliche Flucht über das Meer, sei es über das Mittelmeer, über den Golf von Aden und das Rote Meer oder in südostasiatischen Gewässern.

Laut dem Global Trends Report wurden allein im Jahr 2014 insgesamt 13,9 Millionen Menschen zu Flüchtlingen oder Binnenvertriebenen – viermal so viele wie noch 2010. Weltweit gab es im letzten Jahr insgesamt 19,5 Millionen Flüchtlinge (2013: 16,7 Millionen), 38,2 Millionen Binnenvertriebene (2013: 33,3 Millionen) und 1,8 Millionen Asylsuchende, die noch auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warteten (2013: 1,2 Millionen). Besonders alarmierend: Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.

„Riesige Defizite bei der Finanzierung und große Lücken im globalen System zum Schutz von zivilen Kriegsopfern führen dazu, dass Menschen  im Stich gelassen werden, die Mitgefühl, Unterstützung und sichere Zuflucht benötigen“, so Guterres. „In einer Zeit der beispiellosen Massenflucht und -vertreibung brauchen wir eine ebenso beispiellose humanitäre Unterstützung und ein erneuertes globales Bekenntnis zu Toleranz und Schutz für Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung.“

Der Krieg in Syrien hat weltweit die meisten Menschen zur Flucht gezwungen, sowohl innerhalb (7,6 Millionen Binnenvertriebene) als auch außerhalb des eigenen Landes (3,88 Millionen Flüchtlinge). Es folgen Afghanistan (2,59 Millionen Flüchtlinge) und Somalia (1,1 Millionen Flüchtlinge).

Selbst in Zeiten stark ansteigender Zahlen sind Flüchtlinge global sehr ungleich verteilt. Reichere Länder nehmen weit weniger Flüchtlinge auf als weniger reiche. Knapp neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) befanden sich 2014 in Ländern, die als wirtschaftlich weniger entwickelt gelten. Ein Viertel aller Flüchtlinge war in Staaten, die auf der UN-Liste der am wenigsten entwickelten Länder zu finden sind.

Europa (plus 51 Prozent)

Der Konflikt in der Ukraine, 219.000 Mittelmeerüberquerungen sowie die sehr große Zahl von 1,59 Millionen syrischen Flüchtlingen in der Türkei (Ende 2014) – die somit auch zum größten Flüchtlingsaufnahmeland weltweit wurde – lenkte sowohl im positiven als auch negativen Sinn verstärkt die Aufmerksamkeit auf Flüchtlingsfragen. In der EU wurden die meisten Asylanträge in Deutschland und Schweden gestellt. Insgesamt wurden in Europa mit Ende des Jahres 6,7 Millionen Menschen gezählt, die zwangsweise ihre eigentliche Heimat bzw. Heimatregion verlassen mussten: Ein Viertel davon waren syrische Flüchtlinge in der Türkei. Zum Vergleich: 2013 waren es in Europa insgesamt 4,4 Millionen. 

Naher Osten und Nordafrika (plus 19 Prozent)

Allein das massive Leid des Kriegs in Syrien mit 7,6 Millionen Binnenvertriebenen und 3,88 Millionen Flüchtlingen in der benachbarten Region machten den Nahen Osten zur größten Herkunftsregion. Neben den alarmierenden Zahlen zu Syrien wurde auch der Irak erneut zum Brennpunkt: 2,6 Millionen Menschen mussten im letzten Jahr aus ihren Heimatorten fliehen. Insgesamt waren damit im Irak 3,6 Millionen Menschen innerhalb des Landes Binnenvertriebene. Auch innerhalb Libyens mussten 309.000 Menschen fliehen.

Sub-Sahara Afrika (plus 17 Prozent, exkl. Nigeria)

Die zahlreichen Konflikte in Afrika – wie zum Beispiel in der Zentralafrikanischen Republik, dem Südsudan, in Somalia, Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo und anderswo werden häufig übersehen. Gleichwohl haben sie insgesamt eine immense Zahl an Fluchtbewegungen ausgelöst, die kaum niedriger ist als im Nahen Osten. Insgesamt gab es in den Sub-Sahara-Ländern 3,7 Millionen Flüchtlinge und 11,4 Millionen Binnenvertriebene, von ihnen sind 4,5 Millionen Menschen 2014 zur Flucht gezwungen worden. Die aktuellen Zahlen weisen keine Daten für Nigeria auf, weil dort 2014 die statistischen Erhebungsmethoden für Binnenvertriebene geändert wurden. Äthiopien hat Kenia an der Spitze der Aufnahmeländer in Afrika abgelöst und befindet sich nun global auf Rang fünf.

Asien (plus 31 Prozent)

Die Zahl der Binnenvertriebenen und Flüchtlinge ist im letzten Jahr in Asien um 31 Prozent gestiegen. Afghanistan, das weltweit die Liste der Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen anführte, hat diesen traurigen Spitzenplatz an Syrien abgegeben. Fortdauernde Fluchtbewegungen wurden in und aus Myanmar registriert, darunter Rohingya aus dem westlichen Rakhine-Staat und aus den Kachin- und nördlichen Shan-Regionen. Iran und Pakistan blieben unter den führenden vier Aufnahmeländern von Flüchtlingen.

Amerika (plus 12 Prozent)

Der amerikanische Kontinent hat gleichfalls einen Anstieg an Flucht und Vertreibung verzeichnet. Zwar ist die Zahl der kolumbianischen Flüchtlinge um 36.300 auf 360.300 gefallen. Dies ist aber hauptsächlich auf eine Zahlenberichtigung der venezolanischen Behörden zurückzuführen. Kolumbien gehört weiterhin mit sechs Millionen Binnenvertriebenen (137.000 kamen im letzten Jahr hinzu) zu jenen Ländern, in denen weltweit die meisten Menschen innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht sind. In Zentralamerika sind Menschen verstärkt vor Bandengewalt und anderen Formen der Verfolgung geflohen. Dies hat zu einem Anstieg der Schutzsuchenden in den USA geführt: 36.800 Asylanträge bedeuten ein Plus von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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